Jochen Neerpasch: Abgang auf leisen Sohlen

Kolumne von Uwe Mahla
BMW gegen Ford war in den 1970ern das Duell zweier Teamchefs, die Arbeitskollegen gewesen waren. Doch der Abschied Jochen Neerpaschs von Ford überraschte sogar seinen Vertrauten und späteren Nachfolger Michael Kranefuss

Wer sich an jene Tage in den 70ern erinnert, als der Tourenwagensport – also der Sport mit Automodellen, die man noch als solche identifizieren konnte – in voller Blüte stand, erinnert sich hauptsächlich an die Schlachten, die sich die Ford Capri und die BMW Coupés lieferten. Da drifteten in schönster Beinchen-hoch-Manier Könner vom Schlag eines Stuck, Mass, Glemser, Heyer und Co. einerseits und Formel-1-Asse wie Jackie Stewart, Niki Lauda, oder Emerson Fittipaldi und Ronnie Peterson um die Wette, dass es nur so eine Wonne war.

Um nichts weniger schlagzeilenträchtig war in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung zweier Rennstrategen, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten – der introvertierte, ja geradezu intellektuelle BMW-Rennleiter Jochen Neerpasch und der extrovertierte, aber nicht minder erfolgsorientierte Michael Kranefuss, Neerpaschs früherer Assistent und später Nachfolger als großer Ford-Zampano. Was sich zwischen diesen beiden Persönlichkeiten hinter den Kulissen, aber oft auch im Boxengeschehen abspielte, hatte die Qualität großer Opern. Sagen wir so: Es ging nicht immer nett zu zwischen den beiden.

Als mein Freund Jürgen Lewandoski und ich uns daran machten, die Biografie Jochen Neerpaschs aufzuarbeiten, stießen wir natürlich auch auf dieses Thema. Hier ein paar Auszüge:

Kranefuss: «Es war nicht einfach, näher an Jochen heranzukommen.  Wir waren freundlich zueinander, doch dass wir auf Anhieb Freunde geworden wären, kann man nicht sagen. Weder er noch ich hatten eine rechte Ahnung davon, was es bedeutete, in so einer riesigen Organisation zu arbeiten. Irgendwie schafften wir es, die frühen Jahre zu überstehen. Und: Wir hatten meist einen Haufen Spaß. Tatsächlich, aber ich bin nicht sicher, ob das seine Absicht war, eröffnete Jochen mir die Möglichkeit, im Renn-Business Karriere zu machen und dafür bin ich ihm für immer dankbar. Ich frage mich, ob ich Jochen nach all den Jahren enger Zusammenarbeit wirklich gut kenne. Ich glaube nicht. Für mein Gefühl war er nicht gerade ein Naturtalent in Sachen Kommunikation. Manchmal mussten die Leute wirklich raten, was seine wahren Absichten waren. Nur ein Beispiel: Als er Ford verließ, um zu BMW zu gehen, erfuhr ich das wie jeder andere – nämlich sehr spät.»

Ich legte Neerpasch das Kranefuss-Statements vor, worauf er spontan zum Laptop griff und diese E-Mail schrieb (natürlich haben wir die Gunst genutzt und sie später im Buch veröffentlicht):

«Lieber Michael,

um wirkliche Freunde zu werden, waren wir von der Persönlichkeitsstruktur her wahrscheinlich zu unterschiedlich veranlagt. Aber genau das hat ja unseren gemeinsamen Erfolg in den ersten vier Ford- Jahren bewirkt.


Wenn Du sagst, wir hatten zwischenzeitlich auch Spaß, dann kann ich das nur bestätigen und ich denke gerne an unsere gemeinsame Zeit in Köln zurück. Meine Kommunikationsschwäche hast Du mit Deinem Talent mehr als ausgeglichen und so, meine ich, waren wir ein sehr erfolgreiches Team.
 
Ich verstehe, dass Du mir nie verziehen hast, Dir, meinem engsten Mitarbeiter, meinen Wechsel zu BMW nicht vorzeitig mitgeteilt zu haben. Aber dafür gab es gute Gründe: Sofort nach meinem BMW-Kontakt zu Jahresbeginn 1972 habe ich Klaus Banzhaf (Anm.: damals Vorstand von Ford Deutschland) von meinem Vorhaben informiert und Dich als meinen Nachfolger vorgeschlagen. Er hat akzeptiert. Wir haben strengste Vertraulichkeit vereinbart und Ford bestand darauf, dass ich bis zu meinem Wechsel zu BMW im Mai meine Aufgabe weiterführen und auch die ersten Meisterschaftsläufe der Saison 1972 noch als Ford-Rennleiter führen sollte.
 
Für mich waren das drei lange Monate bis München und oft war ich kurz davor, mit Dir über meinen bevorstehenden Wechsel zu sprechen. Aber auch im Nachhinein glaube ich, war es gut, wie es gelaufen ist.  Jedenfalls waren die Folgejahre, die ja zwischen uns mit voller Härte geführt wurden, das Beste, was man bis dahin im Tourenwagensport gesehen hatte. Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwann, irgendwo wieder einmal treffen.
Herzliche Grüße, Jochen.»

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