Formel 1: McLaren bekommt neuen Namen

Gerhard Mitter: Deutscher Allrounder ist unvergessen

Kolumne von Rainer Braun
​Ein großer Rennfahrer und wunderbarer Mensch wäre Ende August dieses Jahres 90 Jahre alt geworden: Gerhard Mitter.

Am 30. August hätte Gerhard Mitter aus Böblingen seinen 90. Geburtstag feiern können – wäre er noch am Leben. Doch seine glanzvolle Rennfahrer-Karriere endete am Nachmittag des 1. August 1969, knapp vier Wochen vor seinem 34. Geburtstag, mit einem tödlichen Unfall am Nürburgring im Streckenabschnitt Schwedenkreuz.

Die Formel 2- und Formel 1-Rennwagen absolvierten gerade ihr gemeinsames Training für den deutschen GP am Nürburgring. Um 16.15 Uhr wurde der BMW-Formel-2-Werkswagen mit der Startnummer 24 zum letzten Mal von der Zeitnahme bei Start und Ziel erfasst.

Den furchtbaren Highspeed-Unfall wenige Minuten später überlebte Gerhard Mitter nicht. Die damalige deutsche Nummer 1 unter den Profi-Rennfahrern erlag noch am Unfallort an den Folgen schwerer Verletzungen.

Eine eigenartige, fast schwermütige Stimmung legte sich über den Start-Ziel-Bereich. Im Fahrerlager herrschten Fassungslosigkeit und Entsetzen, gestandene Männer weinten hemmungslos.

BMW zog die restlichen Formel 2-Wagen von Dieter Quester und Hubert Hahne sofort zurück. Auch Hans Herrmann, der Graham Hills Lotus 59 fahren sollte, verzichtete nach dem Tod seines Porsche-Werksfahrerkollegen und Fast-Hausnachbarn erschüttert auf den Start.

Augenzeugen gaben zu Protokoll, dass Mitter ohne ersichtlichen Grund schlagartig nach rechts abgebogen sei. Der Staatsanwalt beschlagnahmte das Wrack, umfangreiche Untersuchungen begannen und erstreckten sich über Wochen. Als wahrscheinlichste Unfallursache wurde später im Untersuchungs-bericht ein Defekt im Bereich der Lenksäule vermerkt und die Akte geschlossen.

«Er war der beste Typ, mit dem ich mir je ein Auto geteilt habe, menschlich und fahrerisch.» Das sagte der ehemalige Porsche-Werkspilot Udo Schütz (damals 32, inzwischen 88) noch heute über Gerhard Mitter.

Die beiden waren beste Freunde und feierten neben vielen anderen Erfolgen am 4. Mai 1969 einen grandiosen Sieg im Werks-Porsche 908 bei der Targa-Florio.

Was seinerzeit noch problemlos funktionierte, wäre heute kaum denkbar: Gerhard Mitter war 1969 zeitgleich Werksfahrer für Porsche und für BMW.

Schon seit 1964 gehörte er durchgängig zur Porsche-Werksmannschaft und gewann für die Stuttgarter an allen Fronten.

Herausragend seine drei Europa-Bergtitel in Folge. Unvergessen auch sein Sieg mit Tagesbestzeit 1966 im Carrera 6 auf dem Flugplatz von Mainz-Finthen – mit eingegipstem Fuß nach einem vorangegangenen Trainingsunfall beim Sportwagen-WM-Lauf in Spa. Auf Krücken humpelte er mit einem Bein zum Auto, enterte das Cockpit mit Hilfe der Mechaniker, die ihn nach seinem Sieg auch wieder herauszogen und zur Siegerehrung aufs Podium hievten …

Gerhard Mitter fühlte sich in jeder Art von Rennauto pudelwohl, er war ein ausgesprochenes Multitalent. Egal ob selbstgebauter «Mitter-DKW» Formel-Junior-Rennwagen, Sportwagen, Tourenwagen, Formel 2 oder gar Formel 1 – dieser Mann glänzte in jedem Cockpit.

Schon 1963 gelang ihm im Porsche-Formel 1 des Grafen Carel de Beaufort beim deutschen GP am Ring mit Platz 4 eine Sensation. Colin Chapman bot ihm in den folgenden Jahren für den Ring-GP sogar den dritten Lotus-Climax an – der technisch sehr versierte Mitter lehnte das reizvolle Angebot wegen Sicherheitsbedenken zumindest einmal sogar ab.

Schon während meines ersten Berufsjahrs 1962 hatte ich einen guten Draht zu Gerhard, im Laufe der Zeit entwickelte sich eine echte Freundschaft. Wir hatten viel Spaß und machten mit der restlichen Porsche-Clique Blödsinn ohne Ende. Zu Mitters Freundeskreis gehörten auch Rennsport-Fotograf Hans-Peter Seufert und Porsche-Pilot Günther «Bobby» Klass, alles höchst fröhliche Zeitgenossen.

Fast alles, was ich über Süd- und Nordschleife des Nürburgrings an Streckenkenntnis weiß, hat mir Gerhard beigebracht. Er und sein Porsche-Kollege Herbert Linge waren verdammt gute Lehrmeister, geduldig haben sie mir alle Tricks und Tücken erklärt.

Oft zogen wir gemeinsam von Rennen zu Rennen, Sportwagen-WM und ganz viele Europa-Bergmeisterschaftsläufe wie Rossfeld, Schauinsland, Trento, Sestriere, Ollon-Villars oder Mont Ventoux. Meine Infos bekam ich so immer aus erster Hand. Bei meiner Hochzeit im Oktober 1967 in Wiesbaden waren Gerhard Mitter und Udo Schütz sogar Trauzeugen.

Die Fairness und das herzliche Wesen dieses Mannes haben sein Ausnahmetalent als Rennfahrer sogar noch weit überstrahlt. Der Mensch Gerhard Mitter hatte damals im deutschen Motorsport eine riesige Lücke hinterlassen.

Udo Schütz beschloss nach dem Tod seines Cockpit-Partners, die eigene Karriere nach lediglich sechs Jahren zu beenden – zumal er zwei Monate zuvor selbst in Le Mans einen Horror-Unfall nur mit unglaublich viel Glück überlebt hatte. Auf der Hunaudières-Geraden kollidierte sein Langheck-Porsche 908 bei knapp 400 km/h mit dem 917er-Porsche von Gérard Larrousse.

Schütz wurde schon beim ersten Überschlag aus dem brennenden Auto in eine Böschung geschleudert, die Trümmer lagen über 800 Meter verstreut. «Ich war nur ein bisschen angekokelt, sonst hat mir außer einem großen Schreck nix gefehlt. Sicher hatte ich damals gleich mehrere Schutzengel, allein schon deshalb wollte ich das Schicksal nicht noch länger herausfordern.»

Zum Zeitpunkt seines Rückzugs hatte Schütz übrigens bereits ein lukratives und sportlich höchst interessantes Ferrari-Angebot für die Sportwagen-WM 1970 vorliegen – er hätte nur noch unterschreiben brauchen. Aber selbst eine sportlich reizvolle Zukunft bei den Roten in Maranello konnte ihn nicht mehr umstimmen. «Durch den Tod von Gerhard habe ich einfach die Freude am Rennsport verloren», sagte er mir damals.

Der Name Mitter lebt unterdessen in Gestalt von Gerhard Mitter Junior weiter, dessen freundliches und offenes Wesen sofort an den Vater erinnert.

Bei Classic-Veranstaltungen steuert Gerhards Sohn oft eines der früheren Rennautos seines unvergessenen Vaters. Und das Autohaus Mitter mit angeschlossenem Werkstattbetrieb gibt es noch immer in Böblingen, jetzt unter Leitung des Juniors.

Zu Ehren des berühmten Sportlers veranstaltet das etwa 30 km von Böblingen entfernte schwäbische Städtchen Calw jedes Jahr eine Gerhard Mitter Gedächtnis Rallye – diesmal am 13. September, zum insgesamt 41. Mal.


Diesen Artikel teilen auf...

Mehr über...

Siehe auch

Red Bull Ring: Die Lehren für den MotoGP-Event 2026

Von Ivo Schützbach
Obwohl das MotoGP-Spektakel auf dem Red Bull Ring in Spielberg gewohnt unterhaltsam, hochklassig und in vielen Bereichen einmalig war, fiel der Zuschauerzuspruch geringer aus als erhofft.
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • Sa. 30.08., 00:20, Motorvision TV
    UK Rally Show
  • Sa. 30.08., 00:45, Hamburg 1
    car port
  • Sa. 30.08., 03:25, Motorvision TV
    Top Speed Classic
  • Sa. 30.08., 03:50, Motorvision TV
    Gearing Up
  • Sa. 30.08., 04:15, Motorvision TV
    Motocross: FIM-Weltmeisterschaft
  • Sa. 30.08., 04:40, Motorvision TV
    FastZone 2024
  • Sa. 30.08., 05:10, Motorvision TV
    Icelandic Formula Off-Road
  • Sa. 30.08., 05:30, Hamburg 1
    car port
  • Sa. 30.08., 07:15, Hamburg 1
    car port
  • Sa. 30.08., 07:20, Motorvision TV
    Gearing Up
» zum TV-Programm
6.95 02071959 C2908212013 | 7