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Sportchef Longo: «Genügend Appetit auf die Formel E»

Von Gerhard Kuntschik
Alberto Longo

Alberto Longo

Alberto Longo ist stellvertretender CEO und Sportdirektor der Formel E, die neunte Saison ist im Gang. Vor dem Berlin-Rennwochenende haben wir mit ihm gesprochen.

Vom Juristen zum Rennsportmanager: Das war der nicht ganz alltägliche Karrierewechsel von Alberto Longo, der nach dem Jusstudium an der Universität Sevilla ins Bankengeschäft einstieg, dann in seiner eigenen Anwaltskanzlei arbeitete, ehe er als Teammanager mit Addax zum Autorennsport kam – und 2012 mit Alejandro Agag die damals wohl verrückte Idee hatte, eine Rennserie für elektrisch angetriebene Monoposti zu gründen.

2014 wurde die risikoreiche Idee mit viel Unterstützung von Sponsoren und dem damaligen FIA-Präsidenten Jean Todt umgesetzt.

Seither ist Longo stellvertretender CEO und Sportdirektor der Serie, die neunte Saison der ABB Formel E ist im Gang. Das Schweizer Technologieunternehmen war vor sechs Jahren der erste Titelsponsor einer FIA-Meisterschaft, wobei der damalige Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von ABB, der Salzburger Christoph Sieder, maßgeblichen Anteil an diesem Engagement hatte. Nach drei neuen Schauplätzen im FE-Kalender und vor dem Doppel am Traditionsschauplatz Berlin-Tempelhof am 22. und 23. April nimmt der Spanier zur Lage der Formel E Stellung.

Welche Zwischenbilanz kannst Du nach sechs Rennen mit den Autos der dritten Generation ziehen?

Wir hatten im Test vor der Saison einige Herausforderungen mit der neuen Technologie und dem neuen Auto zu bewältigen. Ich denke, dass jetzt jeder vom Fortschritt mit dem Gen3-Auto überzeugt ist, nachdem wir auf so unterschiedlichen Strecken gefahren sind. Auch der Showfaktor hat sich gut präsentiert. In Sao Paulo hatten wir zuletzt mehr Überholmanöver als in vielen anderen Serien. Das Feedback war bisher höchst positiv. Mit den neuen Reifen (Hankook, Anm.) gab es eine Eingewöhnungsphase, aber wir wollen ja nicht, dass das Auto allein fährt, wir wollen eine Herausforderung für die Piloten – vom Auto her, von den Strecken, von der Strategie her.

Wir erlebten zuletzt drei Rennen auf neuen Strecken in Hyderabad, Kapstadt und Sao Paulo. Wie lautet Dein Urteil dazu?

Absolut zufriedenstellend. Mit den Windschattenfahrten ergab sich ein neues Spannungsmoment. Wir rechnen damit, dass alle drei Strecken im Kalender bleiben werden. Es gibt natürlich immer Raum für Verbesserungen im Detail, aber die Rennen waren sehr gut. Wir sind mit den Premieren zufrieden und können uns für 2024 noch mehr erwarten. Meine Noten wären für alle drei Rennen neun von zehn Punkten.

Die nächste neue Strecke wird im Juni Portland, Oregon, sein. Ich nehme an, die FE will unbedingt in den USA bleiben, aber wird nicht nach einer größeren Metropole gestrebt? Gerüchte bringen den Raum Los Angeles ins Spiel.

Ich denke, dass Portland ein toller Schauplatz ist, dort sind viele wichtige Unternehmen angesiedelt. Der Ticketverkauf startete kürzlich, in wenigen Stunden waren 7000 verkauft. Die Strecke ist nahe am Stadtzentrum. Es gibt viele positive Aspekte in Portland. Aber wir schauen uns einmal das heurige Rennen an und werden danach entscheiden. Wir denken nicht nur an L.A., sondern auch an andere große Städte in den USA, die wichtige Märkte für die Formel E wären. Wir schauen uns alle Optionen an.

Werden wir in der nächsten Zeit ein maximales Feld, also mit zwölf statt derzeit elf Teams, haben? Oder andersrum: Besteht die Gefahr, ein bestehendes Team zu verlieren?

Unsere Teams sind sehr stabil. Wir haben neun Hersteller bzw. Marken unter den elf Rennställen. Wir sind in einer sehr guten Position. Es gibt immer Gerüchte genauso wie Fluktuation. Wir haben deutsche Premiumhersteller verloren, haben aber McLaren und Maserati gewonnen. Es ist genügend Appetit auf die Formel E vorhanden. Wir versuchen natürlich, zwölf Teams zu erreichen, wir sondieren die Möglichkeiten in unterschiedlichen Szenarien. Ich kann aber derzeit noch nicht spezifischer antworten.

Jetzt steht Berlin mit einem Doppel an. Was erwartest Du?

Diese Strecke wird mit den neuen Gen3-Autos absolut spektakulär sein. Berlin ist der einzige Schauplatz, der seit Beginn der Formel 1 im Kalender ist.

Überraschen Dich die aktuellen Dominatoren Porsche, DS, Virgin und Jaguar oder war diese Situation zu erwarten?

Faktum ist, dass nach dem Vorsaisontest alles offen war und dass jetzt sehr professionell arbeitende Teams vorn sind. Aber wir wissen auch, dass ein gravierender Fehler in einer Phase alles umdrehen kann. Wichtig ist für uns die Stabilität der Mannschaften. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Berlin Überraschungen geben kann.

Wie wichtig sind Berlin, in Deutschland beheimatete Teams und der deutsche Markt für die Formel E?

Das ist absolut ein Schlüsselmarkt für uns. Wie schon erwähnt ist Deutschland das einzige Land mit Rennen in jeder Saison bisher. Wir haben viele Partner dort, nicht nur Autohersteller, sondern auch kommerzielle Partner. Und Berlin-Tempelhof ist sehr attraktiv für das Publikum.

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