Barbier: «Wollen schon mit den 1000er-Bikes testen»

Giorgio Barbier
Am 6. März wurde bekannt, dass Pirelli ab 2027 in der MotoGP als exklusiver Reifenausrüster auftreten und Michelin ablösen wird. SPEEDWEEK.com sprach mit Pirelli-Rennchef Giorgio Barbier und fragte, wie sich der italienische Hersteller auf diese Mammutaufgabe vorbereitet.
Im ersten Teil des Interviews erzählte Barbier, welche Herausforderungen auf Pirelli zukommen werden und welchen Ansatz das Unternehmen bei der Herstellung der komplexen MotoGP-Reifen verfolgt. Im zweiten Teil erklärt der 66-jährige Italiener, wie der Fahrplan bis 2027 aussieht und was schwieriger ist: einen Vorder- oder einen Hinterreifen herzustellen.
Giorgio, wenn wir uns das Jahr 2027 auf dem Kalender ansehen, scheint es so weit weg zu sein. Aber wenn man sich die Herausforderung ansieht, der sich Pirelli gestellt hat, kommt 2027 mit Riesenschritten näher.
In unserer Welt sind diese Zeiten kurz. Deshalb ist es wichtig, dass wir in dieser Saison mit dem Testen der Reifen beginnen können, die wir 2027 herstellen werden. Es ist klar, dass wir das nicht mit den neuen 850ern machen können, weil sie im Moment noch nicht fertig sind. Deshalb haben wir darum gebeten, es mit den aktuellen 1000ern machen zu dürfen. Mit der Aerodynamik, die 2027 in Kraft tritt, und der geringeren Motorleistung können wir dann sehen, wie die von uns hergestellten Reifen funktionieren werden.
Was glaubst du, was komplizierter sein wird – der Vorder- oder der Hinterreifen?
Ich denke, wir haben im Laufe der Jahre gezeigt, dass wir einen sehr guten Vorderreifen haben – aber mit anderen Eigenschaften als unsere Konkurrenten. Wir werden von unserer Basis aus starten. Es wird erwartet, dass sich die Motorräder und auch der Fahrstil der Piloten an unsere Reifen-Eigenschaften anpassen.
In Wirklichkeit geben unsere Reifen dem Fahrer normalerweise Vertrauen und Feedback. Es geht darum zu verstehen, wie sich das Vorderrad verhält, um unerwartete Stürze zu vermeiden. Okay, vielleicht ist der Pirelli-Vorderreifen weich und er bewegt sich ein wenig, aber er warnt. Das ist eine grundlegende Eigenschaft, die wir beibehalten wollen. Dann werden wir sehen, wie die MotoGP-Welt reagiert.
Bridgestone hatte schon immer einen sehr guten Vorderreifen. Michelin hatte in der Vergangenheit einen Hinterreifen mit hervorragendem Grip und einen mittelmäßigen Vorderreifen. Was ist die DNA von Pirelli? Du hast gerade die Vorzüge des Vorderreifens erläutert, aber was ist mit dem Hinterreifen?
Wir denken, dass wir intensiv an einer konstanten Performance arbeiten müssen. Wir kommen mit unserem Reifen sehr schnell auf eine gute Performance – man fährt auf die Strecke, die erste Runde, und der Reifen ist bereit. Er hat keine langsame Aufwärmphase – das ist eine positive Eigenschaft.
Andererseits haben wir bei den Fahrern am Ende des Feldes in der finalen Phase eines Rennens bei unseren Hinterreifen einen deutlichen Leistungsabfall. Wir müssen die Balance zwischen Vorder- und Hinterreifen neu kalibrieren, um dem Fahrer an der Spitze in den ersten Runden weiterhin viel Vertrauen zu geben und zugleich am Ende eines Rennens eine gute Performance für die Fahrer am Ende des Feldes zu erzielen.
Lass uns über die MotoE sprechen. Der aktuelle Reifenlieferant hat mit einem Spezialreifen gearbeitet, der sich sehr schnell aufheizt. Welche Strategie wird Pirelli für die elektrische Meisterschaft verfolgen?
Es gibt zwei Überlegungen: Die erste, aus technischer Sicht, ist, dass der Reifen für eine aktuelle MotoE der Superbike-Reifen ist, jedoch mit einer etwas härteren Mischung: Diese Reifen eignen sich gut für die Anzahl der Runden in einem Rennen, für das Gewicht und so weiter.
Dann gibt es noch das Thema Nachhaltigkeit, denn das Image der MotoE ist mit diesem Ansatz verbunden. Wenn ich «Image» sage, meine ich nicht, dass wir 800 Reifen für die Meisterschaft herstellen müssen und das war's. Der Schritt nach vorne in Sachen Nachhaltigkeit, den wir bei der MotoE anwenden werden, müssen wir bei all unseren Reifen anwenden; bei denen der Superbike-WM, der nationalen Meisterschaften auf der ganzen Welt, denen der MotoE und denen der MotoGP.
Die Herstellung eines Reifens mit diesen Eigenschaften, nicht nur in einer Kleinserie, sondern in einem gesamten industriellen Prozess, ist bereits ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. In der gesamten Produktionskette werden Einsparungen erzielt. Darüber hinaus werden alle neuen Funktionen, die wir in Bezug auf recycelte Materialien einführen, für die zehntausenden Reifen, die wir produzieren werden, gleich sein.
Wo werden die zukünftigen MotoGP-Reifen hergestellt?
Wir haben eine Anlage in Deutschland, die auf die Herstellung von Radial-Motorradreifen und Rennreifen spezialisiert ist. Sie werden dort hergestellt, auch weil der Prozess derselbe sein wird wie jetzt.
Ich verstehe also, dass dies eine Standardfabrik sein wird?
Es ist eine Standardfabrik, die sich im Laufe der Jahre immer mehr auf den Rennsport spezialisiert hat.
Zum Schluss möchte ich dich um eine Klarstellung bitten: Wenn ich in letzter Zeit über Pirelli schreibe, bezeichne ich das Unternehmen als italienisch-chinesisch. Ist das korrekt?
Sagen wir mal so: 37 Prozent der Aktionäre der Pirelli-Gruppe stammen aus China. Die gesamte Befehlskette befindet sich in Italien. Die chinesische Präsenz war nie «invasiv». Sie hat nie technische, sportliche oder industrielle Entscheidungen erzwungen, die von dem abweichen, was Pirelli tun wollte.